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Erfahrungsberichte

Das Sterben von Moritz in Würde

Die Cellesche Zeitung voröffentliche am 24.12.2012 einen Artikel über die letzten Tage des jungen Moritz Dellemann im Hospiz-Haus Celle. Auf gleicher Seite finden Sie ein Interview mit Marlies Wegner, der geschäftsführenden Leiterin unseres Hauses. Lesen Sie hier die Originalartikel.

Erfahrungsbericht von Klaus Dietmayer

Die Diagnose „Krebs“ ist für jede Familie ein erschütterndes und einschneidendes Ereignis. Vor einigen Jahren, kurz vor Weihnachten, traf es uns, als bei meiner Mutter, Charlotte Dietmayer, Magenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde. Ein Operationsversuch scheiterte aufgrund der bereits ausgeprägten Metastasen. Es blieb nur eine palliative Chemotherapie, die am AKH-Celle ambulant durch Herrn Dr. Hollerbach sehr umsichtig durchgeführt wurde, mit der Hoffnung auf Stabilisierung des Krankheitsbildes oder, wenn ein Wunder geschieht, sogar auf Rückgang. Unter dieser Chemotherapie war es meiner Mutter möglich, noch über ein halbes Jahr weitgehend selbständig zu leben, wobei sie eine liebevolle Betreuung und Unterstützung durch Freunde, Nachbarn und Angehörige erfuhr.

Im folgenden Sommer verschlechterte sich der Gesundheitszustand meiner Mutter dann plötzlich bei einem ambulanten Chemotherapietermin dramatisch und die Chemotherapie musste abgesetzt werden. Intensivmedizin bewahrte sie damals vor dem sicheren Tod durch Nierenversagen. Meine Mutter lebte seit dem Tod meines Vaters im Jahr 1989 und somit auch während der Krankheit alleine in einem Einfamilienhaus in Celle. Unsere Familie ist weit verstreut über Deutschland – ich, als ihr einziger Sohn, lebe beispielsweise mit meiner Familie in Ulm – so dass eine jetzt notwendige kontinuierliche Betreuung durch die Familie nicht möglich war. Da sich eine direkte Rückkehr ins eigene Haus nach dem Krankenhausaufenthalt verbot, suchte ich nach Pflegemöglichkeiten in Celle, zunächst mit dem Ziel einer Kurzzeitpflege. Hierbei besuchte ich auch das gerade neu eröffnete Hospiz-Haus in Celle und war von der Idee, den pflegerischen Möglichkeiten und letztendlich auch von der Atmosphäre im Haus sehr angetan.

Überzeugend waren die Freiheiten, die jedem „Gast“, wie die Patienten hier heißen, im Rahmen seiner Möglichkeiten eingeräumt werden. Auch eine Rückkehr nach Hause wäre kein Problem, sollte sich meine Mutter wieder erholen. Dies überzeugte sie dann letztendlich auch, diesen Schritt jetzt schon zu gehen, da wir das Hospiz-Haus immer als letzte Möglichkeit angesehen haben. Als „Gast“ des Hospiz-Hauses Celle bezog meine Mutter ein sehr gut ausgestattetes Einzelzimmer. Sie wurde sehr herzlich aufgenommen und ich erinnere mich noch sehr gut an die gemeinsamen Abendessen mit den Krankenschwestern und Pflegern am großen Esstisch, zu dem auch ich wie selbstverständlich eingeladen wurde. Die Küche stand Gästen aber auch Angehörigen offen, jeder Gast konnte sich nach seinen Kräften einbringen. So hat meine Mutter damals beispielsweise noch für alle Birnenkompott gekocht – die Jugend kann das ja nicht mehr ….

Das Leben war wirklich wie in einer großen Familie, was die Eingewöhnung für meine Mutter erleichterte – aber natürlich war es eine Umstellung. Ich pendelte damals zwischen Ulm und Celle so häufig es beruflich ging und fühlte mich auch schon fast heimisch in der Glockenheide 79. Gleiches empfanden Freundinnen und Verwandte, die meine Mutter jederzeit unangemeldet besuchen konnten.

In dieser Zeit dachte ich tatsächlich, meine Mutter schafft es noch einmal nach Hause, so gut erholte sie sich von dem letzten Krankenhausaufenthalt. Sie hat ihr Haus jedoch nicht mehr betreten, nicht, weil sie es nicht physisch gekonnt hätte: Sie wusste, wieder Abschied zu nehmen, würde ihr einfach zu schwer fallen. Vielleicht spürte sie auch, dass ihre Zeit doch in Wahrheit deutlich begrenzt war. Der Tod wurde im Hospiz-Haus nicht ausgeklammert – man sprach offen darüber – aber er stand nicht im Mittelpunkt. Es wurde viel erzählt und auch gelacht. Die Atmosphäre war ja das, was mich so begeistert hatte bei meinem ersten Besuch.

Ganz plötzlich verschlechterte sich dann der Zustand meiner Mutter Anfang August wiederum und sie war fortan ans Bett gefesselt. Alleine war sie nie, auch wenn gerade einmal kein Besuch da sein konnte. Die Krankenschwestern und Pfleger fanden immer die Zeit, sich mit ans Bett zu setzen. Gegen die Schmerzen erhielt sie eine exzellent dosierte Schmerztherapie, so dass sie zu keiner Tages- und Nachtzeit leiden musste. In ihren letzten Tagen verbrachte ich viele Tage und lange Abende im Hospiz-Haus. Ich habe dort in den Gesprächen sehr interessante einfühlsame Menschen kennen gelernt, die auch mich in dieser schweren Zeit immer wieder aufbauten und unterstützten; ich fühlte mich integriert und dazugehörig. Am 20. August verstarb dann meine Mutter in Anwesenheit ihrer engsten Verwandten. Es war ein Abschied in Würde und Andacht.

Trotz der schweren Zeit verbinde ich viele gute Erinnerungen mit dem Hospiz-Haus in Celle. Meine Mutter hat dort eine liebevolle Betreuung und Pflege erfahren, wie wir sie ihr aufgrund unserer Familiensituation im eigenen Haus ambulant nie hätten bieten können. Sie hatte zudem die Zeit, sich einzuleben und Vertrauen sowie Kontakte zu Krankenschwestern und Pflegern aufzubauen, etwas, was meiner Ansicht nach essentiell ist, um sich geborgen zu fühlen. Rechtzeitig den Entschluss zu fassen, ins Hospiz zu gehen, ist daher vielleicht schwer aber letztendlich besser, als dort nur die allerletzten Tage zu verbringen. Ich würde in einer ähnlichen Situation meinen letzten Weg auch so gehen.

Klaus Dietmayer

Gerd war 94 Tage im Hospiz

Gerds Lebensweg erschien uns in den letzten Jahren steinig, von Gestrüpp überwuchert und meist als Weg kaum erkennbar. Wir mochten ihm darauf nicht immer folgen und so hatten wir nur noch sporadisch Kontakt.

Hier im Hospiz-Haus konnten wir uns nach langer Zeit wieder richtig begegnen, die Zeit miteinander verbringen und unsere ursprüngliche Verbundenheit und Liebe zueinander wieder entdecken.

Wir danken allen, die dieses Haus ausmachen, für ihre liebevolle Betreuung und Begleitung. Sie haben uns als Familie getröstet, gestärkt und geholfen. Wir möchten diese Zeit nicht missen – dieses Haus wird uns allen in dankbarer Erinnerung bleiben.

Im Namen der Familie Schmidt

 



Den Sommerbrief 2017 finden Sie hier.

 


 

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