Persönliche Erfahrungen im Hospiz-Haus Celle

LesestubeWir hoffen, dass wir den Menschen, die bei uns im Hospiz gelebt haben, eine würdige Zeit gestalten konnten.
Um die Arbeit des Hospiz-Hauses zu verdeutlichen, haben wir mit ausdrücklicher Erlaubnis einige Gedanken, die in unserem Abschiedsbuch stehen, hier wiedergegeben. Wir bedanken uns bei den Schreibern für die Erlaubnis, ihre sehr persönlichen Texte hier veröffentlichen zu dürfen. 
Der nachfolgende Erfahrungsbericht schildert den Weg eines erkrankten Menschen bis zur Entscheidung, ins Hospiz zu gehen, um dann im Hospiz zu sein und zu sterben:

Die Diagnose „Krebs“ ist für jede Familie ein erschütterndes und einschneidendes Ereignis. Im Jahr 2004, kurz vor Weihnachten, traf es uns, als bei meiner Mutter, Charlotte Dietmayer, Magenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde. Ein Operationsversuch scheiterte aufgrund der bereits ausgeprägten Metastasen. Es blieb nur eine palliative Chemotherapie, die am AKH-Celle ambulant durch Herrn Dr. Hollerbach sehr umsichtig durchgeführt wurde, mit der Hoffnung auf Stabilisierung des Krankheitsbildes oder, wenn ein Wunder geschieht, sogar auf Rückgang. Unter dieser Chemotherapie war es meiner Mutter möglich, noch über ein halbes Jahr weitgehend selbständig zu leben, wobei sie eine liebevolle Betreuung und Unterstützung durch Freunde, Nachbarn und Angehörige erfuhr. 

Im Juni 2005 verschlechterte sich der Gesundheitszustand meiner Mutter dann plötzlich bei einem ambulanten Chemotherapietermin dramatisch und die Chemotherapie musste abgesetzt werden. Intensivmedizin bewahrte sie damals vor dem sicheren Tod durch Nierenversagen. Meine Mutter lebte seit dem Tod meines Vaters im Jahr 1989 und somit auch während der Krankheit alleine in einem Einfamilienhaus in Celle. Unsere Familie ist weit verstreut über Deutschland – ich, als ihr einziger Sohn, lebe beispielsweise mit meiner Familie in Ulm – so dass eine jetzt notwendige kontinuierliche Betreuung durch die Familie nicht möglich war. Da sich eine direkte Rückkehr ins eigene Haus nach dem Krankenhausaufenthalt verbot, suchte ich nach Pflegemöglichkeiten in Celle, zunächst mit dem Ziel einer Kurzzeitpflege. Hierbei besuchte ich auch das gerade neu eröffnete Hospiz-Haus in Celle und war von der Idee, den pflegerischen Möglichkeiten und letztendlich auch von der Atmosphäre im Haus sehr angetan. 

Überzeugend waren die Freiheiten, die jedem „Gast“, wie die Patienten hier heißen, im Rahmen seiner Möglichkeiten eingeräumt werden. Auch eine Rückkehr nach Hause wäre kein Problem, sollte sich meine Mutter wieder erholen. Dies überzeugte sie dann letztendlich auch, diesen Schritt jetzt schon zu gehen, da wir das Hospiz-Haus immer als letzte Möglichkeit angesehen haben. Als zweiter „Gast“ des Hospiz-Hauses Celle bezog meine Mutter somit am 17. Juli 2005 ein sehr gut ausgestattetes Einzelzimmer. Sie wurde sehr herzlich aufgenommen und ich erinnere mich noch sehr gut an die gemeinsamen Abendessen mit den Krankenschwestern und -pflegern am großen Esstisch, zu dem auch ich wie selbstverständlich eingeladen wurde. Die Küche stand Gästen aber auch Angehörigen offen, jeder Gast konnte sich nach seinen Kräften einbringen. So hat meine Mutter damals beispielsweise noch für alle Birnenkompott gekocht – die Jugend kann das ja nicht mehr …. 

Das Leben war wirklich wie in einer großen Familie, was die Eingewöhnung für meine Mutter erleichterte – aber natürlich war es eine Umstellung. Ich pendelte damals zwischen Ulm und Celle so häufig es beruflich ging und fühlte mich auch schon fast heimisch in der Glockenheide 79. Gleiches empfanden Freundinnen und Verwandte, die meine Mutter jederzeit unangemeldet besuchen konnten.

In dieser Zeit dachte ich tatsächlich, meine Mutter schafft es noch einmal nach Hause, so gut erholte sie sich von dem letzten Krankenhausaufenthalt. Sie hat ihr Haus jedoch nicht mehr betreten, nicht, weil sie es nicht physisch gekonnt hätte: Sie wusste, wieder Abschied zu nehmen, würde ihr einfach zu schwer fallen. Vielleicht spürte sie auch, dass ihre Zeit doch in Wahrheit deutlich begrenzt war. Der Tod wurde im Hospiz-Haus nicht ausgeklammert - man sprach offen darüber – aber er stand nicht im Mittelpunkt. Es wurde viel erzählt und auch gelacht. Die Atmosphäre war ja das, was mich so begeistert hatte bei meinem ersten Besuch. 

Ganz plötzlich verschlechterte sich dann der Zustand meiner Mutter Anfang August 2005 wiederum und sie war fortan ans Bett gefesselt. Alleine war sie nie, auch wenn gerade einmal kein Besuch da sein konnte. Die Krankenschwestern und -pfleger fanden immer die Zeit, sich mit ans Bett zu setzen. Gegen die Schmerzen erhielt sie eine exzellent dosierte Schmerztherapie, so dass sie zu keiner Tages- und Nachtzeit leiden musste. In ihren letzten Tagen verbrachte ich viele Tage und lange Abende im Hospiz-Haus. Ich habe dort in den Gesprächen sehr interessante einfühlsame Menschen kennen gelernt, die auch mich in dieser schweren Zeit immer wieder aufbauten und unterstützten; ich fühlte mich integriert und dazugehörig. Am 20. August 2005 verstarb dann meine Mutter in Anwesenheit ihrer engsten Verwandten. Es war ein Abschied in Würde und Andacht.

Trotz der schweren Zeit verbinde ich viele gute Erinnerungen mit dem Hospiz-Haus in Celle. Meine Mutter hat dort eine liebevolle Betreuung und Pflege erfahren, wie wir sie ihr aufgrund unserer Familiensituation im eigenen Haus ambulant nie hätten bieten können. Sie hatte zudem die Zeit, sich einzuleben und Vertrauen sowie Kontakte zu Krankenschwestern und -pflegern aufzubauen, etwas, was meiner Ansicht nach essentiell ist, um sich geborgen zu fühlen. Rechtzeitig den Entschluss zu fassen, ins Hospiz zu gehen, ist daher vielleicht schwer aber letztendlich besser, als dort nur die allerletzten Tage zu verbringen. Ich würde in einer ähnlichen Situation meinen letzten Weg auch so gehen. 


Klaus Dietmayer

 

 

Im nachfolgenden Bericht wird über Gerds Leben berichtet, er war 94 Tage bei uns im Hospiz.

Gerds Lebensweg erschien uns in den letzten Jahren steinig, von Gestrüpp überwuchert und meist als Weg kaum erkennbar. Wir mochten ihm darauf nicht immer folgen und so hatten wir nur noch sporadisch Kontakt.
Hier im Hospizhaus konnten wir uns nach langer Zeit wieder richtig begegnen, die Zeit miteinander verbringen und unsere ursprüngliche Verbundenheit und Liebe zueinander wieder entdecken.
Wir danken allen, die dieses Haus ausmachen für ihre liebevolle Betreuung und Begleitung. Sie haben uns als Familie getröstet, gestärkt und geholfen.
Wir möchten diese Zeit nicht missen - dieses Haus wird uns allen in dankbarer Erinnerung bleiben.
Im Namen der Familie 
Schmidt

Der folgende Auszug aus unserem Abschiedsbuch hat uns als Mitarbeiter sehr berührt, und wir danken für diese Worte!

Sehr geehrte Damen und Herren im Hospiz-Haus Celle

Ich durfte als noch „Gesunder“ an zwei Tagen teilhaben an Ihrem Wirken, vielen Dank! Ich habe soviel Wärme und Liebe erlebt, die Sie an die Menschen weitergeben, dass ich sehr dankbar dafür bin, dass mein Bruder in Ihrer Obhut sein durfte.
Und war ich auch nur als Gast bei Ihnen, ich gehe erfüllt von Ihrer menschlichen Güte und dankbar nach Hause zurück.
Ich kann nur vielen Menschen wünschen, wenn sie dann dieser Zuwendung bedürfen, so gütigen Menschen wie Sie es sind, zu begegnen!
Vielen Dank, dass ich Sie kennen lernen durfte.

Erfahrungsbericht einer Ehrenamtlichen

Vor mir auf dem Tisch steht eine Kerze. Ich habe sie angezündet für Herrn K. Im Wärme spendenden Licht der Kerze werden Erinnerungen lebendig, Erinnerungen an meine letzte Begegnung mit Herrn K. 
Es war in der Vorweihnachtszeit. Leben war ins Hospizhaus gezogen. Wir hatten den ganzen Vormittag damit zugebracht, den Tannenbaum zu schmücken, die neue hauseigene Krippe aufzustellen und weihnachtliche Lieder mit den Hausgästen und Angehörigen zu singen, die sich um den großen Esstisch versammelt hatten. Schließlich überraschte uns noch eine Kinderschar des Kindergartens aus Wietzenbruch, die den Hospizbewohnern ein Ständchen bringen wollte. 
Inmitten dieser Geschäftigkeit, in der noch zu guter Letzt Waffeln für die vielen Kinder gebacken wurden, tippte mich Herr K. an, um die Frage an mich zu richten: „Wann kann ich endlich Mousse au Chocolat für Arme kochen?“ Nach kurzem Rückfragen stellte sich heraus, dass eine Schwester alle benötigten Zutaten für die lang ersehnte Speise besorgt hatte, und so erklärte ich mich denn bereit, Herrn K. bei der Zubereitung der Speise behilflich zu sein. 
Nachdem Herr K. zum Küchenchef und ich zu seiner Assistentin erklärt waren, begannen seine Augen zu leuchten und er fing voller Eifer an, Zutaten und Vorgehensweise aufzuzählen. Einige Hausgäste, die mit uns am Tisch sitzend unsere Unterhaltung verfolgt hatten, gaben ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema „Schokoladenverwertung“ kund, und so entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, wie man (nach der Oster- oder Weihnachtszeit) übrig gebliebene Ostereier oder Schokoladenweihnachtsmänner in Mousse au Chocolat verwandeln könne. 
Im Laufe der Diskussion, und vor allem während der Zubereitung in der Küche, zeichnete sich Herr K. durch Spitzfindigkeit und Improvisationsvermögen aus. Denn als sich herausstellte, dass Zucker nur in Würfelform vorhanden war, nahm er kurzerhand den Kartoffelstampfer, um den Zucker für den Schmelzvorgang vorzubereiten. Ich, als Assistentin, hatte dabei auch die Gelegenheit, einen Spruch kennen zu lernen, den Herr K. von seinem Vater gelernt hatte: „Diese Köche sind beschissen, die sich nicht zu helfen wissen.“ Als Koch, so erklärte mir Herr K., hätte ihm sein Vater so manchen Geheimtipp verraten.
Auf meine Frage, für wen wir diese große Menge Mousse au Chocolat gekocht hätten, gab mir Herr K. mit aller Selbstverständlichkeit zu verstehen: „Natürlich für alle, die Lust darauf haben.“ (Und ich dachte, es wäre eine Speise für Arme!) Aber wie sich dann später herausstellte, bezog sich das „arm“ auf das Weglassen sonstiger üblicher teurer Zutaten.

Nachdem wir die Schokoladenspeise auf viele Schälchen verteilt hatten, ließ sich Herr K. mit einem tiefen Atemzug der Erleichterung auf den nächsten Küchenstuhl fallen. Er hatte sein Werk vollbracht und das Erbe seines Vaters weitergegeben, denn seitdem koche auch ich Mousse au Chocolat für Arme.
Ich habe Herrn K. seitdem nicht wieder gesehen. Er verstarb am 25.Dezember 2005 und obwohl er nicht mehr in den Genuss seines allerletzten Wunsches kam (Marlies Wegner hatte auf sein Geheiß eine Zigarre und einen Malt Whiskey besorgt), gab ihm diese bedingungslose Wunschzusage von Seiten des Hospizhauses sicherlich ein Gefühl der allumfassenden Annahme. 
Und so bleibt Herr K. für mich ein lebendiger Beweis dafür, dass es das wirklich gibt: EIN LEBEN BIS ZULETZT!

Dorothea Stockmar